Monatsarchiv: August 2026

zurück im Laufmodus

Zwei Wochen sind seit dem 100 Meilenrennen vergangen. Die Erholungszeit dauerte diesmal definitiv länger als erwartet. Das ist eine neue Erfahrung für mich, denn rein körperlich sah es schnell gut aus. Meine Muskeln, Sehnen und Bänder fühlten sich schon zwei Tage nach dem Wettkampf topfit an. Der Bewegungsapparat hätte also sofort losgelegt.

Das eigentliche Problem lag tiefer im System. Gefühlsmässig waren mein Cortisol und Adrenalin wegen der Hitze und Dehydration massiv erhöht. Mein hormonelles Gleichgewicht war durch die extreme Belastung völlig durcheinandergeraten. Die Quittung folgte jeweils in der Nacht. Ich musste vier bis fünf Nächte mit sehr schlechtem Schlaf durchstehen. Zudem war meine Körperkerntemperatur leicht erhöht, was den Schlaf natürlich nicht gerade förderte. Inzwischen hat sich alles eingependelt und ich schlafe tief und entspannt.

Das grosse Flüssigkeits- und Energiedefizit ist in der Zwischenzeit kompensiert. Die Speicher sind voll und die Waage zeigt einen normalen Wert an. Aus diesem Grund habe ich diese Woche das Training wieder aufgenommen. Ich habe beim Spazieren, Wandern und Rennen ein paar Kilometer gesammelt. Muskulär war das überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, die Beine wollten laufen. Die langsamen Einheiten passen deshalb perfekt in diese Phase.

Der Blick geht schliesslich schon nach vorne. Am 19. September 2026 starte ich in Ettingen beim Backyard Ultra. Dort will ich meine gute Form nochmals testen. Danach wartet im Oktober DAS grosse Highlight.

Quelle: Birsigtal Bote vom 20. August 2026

das Rennen

Der Berliner Mauerweglauf verlangte in diesem Jahr einiges ab. Über 161 Kilometer führt die geschichtsträchtige Strecke rund um das einstige Westberlin. Am vergangenen Wochenende entwickelte sich das 100 Meilenrennen zu einem extremen Abnutzungskampf gegen die Hitze. Die Wetterprognosen kündigten gnadenlose 36 Grad an. Ich startete mit einer kontrollierten, defensiven Taktik in das Rennen. Nach einer intensiven zwölfwöchigen Vorbereitung deutete alles auf eine neue persönliche Bestzeit hin. Doch der Ultralaufsport schreibt seine eigenen Drehbücher.

Bereits bei Kilometer 8 brach mein geplantes Konzept zusammen. Meine Trinkblase platzte im Rucksack. 1.5 Liter Flüssigkeit ergossen sich über die Ausrüstung und verwandelten die Lauftights später in ein starres Brett. Ich bewies in dieser Phase enorme mentale Stärke. Ich improvisierte und hangelte mich mit einem Faltbecher von Verpflegungsposten zu Verpflegungsposten. Bei Kilometer 50 folgte die nächste Zwangspause. Zwei schmerzhafte Blasen an den Füssen erforderten einen improvisierten Boxenstopp. Ich stach die Blasen mit der Sicherheitsnadel meiner Startnummer auf und setzte danach das Rennen fort.

Die Quittung für den Flüssigkeitsverlust folgte schon bald. Bei Kilometer 80 setzte der grosse mentale Knick ein. Die Kombination aus extremem Schweissverlust und Natriumdefizit, Energiemangel und die drückenden Hitze forderte ihren Tribut. Der Laufschritt brach komplett weg und ich musste in den Wanderschritt wechseln. Das bittere daran war die Gewissheit, dass ich zu diesem Zeitpunkt gerade einmal die Hälfte der Strecke geschafft hatte. Die Phase des reinen Überlebenskampfs begann. Ich schleppte und quälte mich sichtlich gezeichnet durch die sengende Hitze. Der Gedanke an einen Rennausstieg wurde immer dominanter. Ich plante bis zum grossen Verpflegungsposten in Teltow zu laufen und von dort mit der Bahn oder dem Bus zurück in die Berliner City zu fahren. Nach dem Eintreffen an der Station holte ich mir meinen Dropbag, zog ein frisches Shirt an und legte mich für 30 Minuten auf eine Matte. Doch in der Ruhephase schoss mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. F*ck, ich kann dieses Rennen nicht einfach aufgeben, ich bin doch kein Verlierer. Also zwang ich mich zum Aufstehen und ging zurück auf die Strecke.

Die verbleibenden 60 Kilometer entwickelten sich zu einer zähen Angelegenheit. Der Laufstil war längst unrund und von den Strapazen gezeichnet. Es ging nur noch um das nackte Durchkommen. Als ich schliesslich die Berliner City erreichte, schlug das Wetter radikal um. Sintflutartiger Regen flutete die Laufstrecke innerhalb kürzester Zeit. Nach all den überstandenen Krisen konnte mich dieses Unwetter jedoch nicht mehr aufhalten.

Nach einer Gesamtlaufzeit von 23 Stunden und 8 Minuten überquerte ich die Ziellinie.

Das war zweifellos einer meiner härtesten Ultraläufe überhaupt. Aufgeben ist für mich immer nur die allerletzte Option. Solange die Beine irgendwie funktionieren und der Kopf noch rational denken kann, wird das Ding durchgezogen. Die Aussteigerquote betrug in diesem Jahr wegen der enormen Hitze sagenhafte 46 Prozent. Ich habe es geschafft und gehöre zu den Finishern!

Top Ten in der Altersklasse M55…immerhin…

Mauerweglauf Berlin

Die entscheidenden Trainingskilometer sind absolviert und die Vorbereitung ist weitgehend abgeschlossen. Aktuell befinde ich mich in der Tapering-Phase, in der weniger bewusst mehr ist. Als Tapering bezeichnet man die gezielte Reduktion des Trainingsumfangs in den letzten Tagen oder Wochen vor einem wichtigen Wettkampf. Die Belastung wird kontrolliert zurückgefahren, ohne sämtliche Trainingsreize zu streichen. So kann der Körper angesammelte Ermüdung abbauen, die Muskulatur regenerieren und die Energiespeicher auffüllen, während die über Monate erarbeitete Leistungsfähigkeit erhalten bleibt. Für mich bedeutet das aktuell kürzere und deutlich dosiertere Einheiten, genügend Schlaf sowie ein konsequenter Fokus auf Regeneration.

Im Rahmen der Wettkampfvorbereitung habe ich an der Universität Basel eine sportmedizinische Untersuchung und einen Leistungstest absolviert. Solche Untersuchungen erfassen unter anderem Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit sowie Körperzusammensetzung und ermöglichen eine fundierte Standortbestimmung für Training und Gesundheit.

Die erhobenen Werte ergaben aus sportmedizinischer Sicht ein ausgesprochen starkes Gesamtbild für einen Ultramarathonläufer der Altersklasse M55+. Besonders auffällig ist die auf Ausdauerleistung ausgerichtete Körperzusammensetzung. Wenig nicht leistungsrelevante Masse und damit gute Voraussetzungen für einen ökonomischen Bewegungsablauf über sehr lange Distanzen.

Auch die Messwerte zur Zellgesundheit sind erfreulich. Es fanden sich keine Hinweise auf versteckte Ödeme oder entzündliche Prozesse im Gewebe. Die Werte sprechen zudem für eine gute zelluläre Regeneration und einen sehr guten Hydrationszustand. Für die bevorstehende Belastung ist das eine wichtige Momentaufnahme. Entscheidend bleibt, den Körper bis zum Start konsequent zu schonen und auf seine Signale zu achten.

Der niedrige Körperfettanteil reduziert die Masse, die bei jedem Kilometer bewegt werden muss und unterstützt damit die Laufökonomie. Günstige körperliche Voraussetzungen helfen zudem bei der Wärmeabgabe. Sie ersetzen jedoch weder eine durchdachte Flüssigkeitsversorgung noch ein dem Wetter angepasstes Renntempo.

Für nächsten Samstag werden weiterhin warme Temperaturen erwartet. Seit Mitte Juni trainiere ich nahezu täglich unter sommerlichen Bedingungen und konnte meinen Körper dadurch schrittweise an die Hitze gewöhnen. Diese Hitzeakklimatisation kann dazu beitragen, früher und effizienter zu schwitzen und die Belastung besser zu regulieren. Trotzdem werde ich die Bedingungen ernst nehmen, kontrolliert anlaufen, regelmässig trinken und die Versorgung während des Rennens konsequent einhalten.

Die Vorbereitung ist gemacht, die sportmedizinischen Werte stimmen zuversichtlich und die letzten Tage gehören der Erholung. Jetzt gilt es, ruhig zu bleiben, Vertrauen in die geleistete Arbeit zu haben und am Samstag Schritt für Schritt das abzurufen, was in den vergangenen Monaten aufgebaut wurde.

Live dabei: Das Rennen kann unter https://my.raceresult.com/367807/live live verfolgt werden.