Der Berliner Mauerweglauf verlangte in diesem Jahr einiges ab. Über 161 Kilometer führt die geschichtsträchtige Strecke rund um das einstige Westberlin. Am vergangenen Wochenende entwickelte sich das 100 Meilenrennen zu einem extremen Abnutzungskampf gegen die Hitze. Die Wetterprognosen kündigten gnadenlose 36 Grad an. Ich startete mit einer kontrollierten, defensiven Taktik in das Rennen. Nach einer intensiven zwölfwöchigen Vorbereitung deutete alles auf eine neue persönliche Bestzeit hin. Doch der Ultralaufsport schreibt seine eigenen Drehbücher.
Bereits bei Kilometer 8 brach mein geplantes Konzept zusammen. Meine Trinkblase platzte im Rucksack. 1.5 Liter Flüssigkeit ergossen sich über die Ausrüstung und verwandelten die Lauftights später in ein starres Brett. Ich bewies in dieser Phase enorme mentale Stärke. Ich improvisierte und hangelte mich mit einem Faltbecher von Verpflegungsposten zu Verpflegungsposten. Bei Kilometer 50 folgte die nächste Zwangspause. Zwei schmerzhafte Blasen an den Füssen erforderten einen improvisierten Boxenstopp. Ich stach die Blasen mit der Sicherheitsnadel meiner Startnummer auf und setzte danach das Rennen fort.
Die Quittung für den Flüssigkeitsverlust folgte schon bald. Bei Kilometer 80 setzte der grosse mentale Knick ein. Die Kombination aus extremem Schweissverlust und Natriumdefizit, Energiemangel und die drückenden Hitze forderte ihren Tribut. Der Laufschritt brach komplett weg und ich musste in den Wanderschritt wechseln. Das bittere daran war die Gewissheit, dass ich zu diesem Zeitpunkt gerade einmal die Hälfte der Strecke geschafft hatte. Die Phase des reinen Überlebenskampfs begann. Ich schleppte und quälte mich sichtlich gezeichnet durch die sengende Hitze. Der Gedanke an einen Rennausstieg wurde immer dominanter. Ich plante bis zum grossen Verpflegungsposten in Teltow zu laufen und von dort mit der Bahn oder dem Bus zurück in die Berliner City zu fahren. Nach dem Eintreffen an der Station holte ich mir meinen Dropbag, zog ein frisches Shirt an und legte mich für 30 Minuten auf eine Matte. Doch in der Ruhephase schoss mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. F*ck, ich kann dieses Rennen nicht einfach aufgeben, ich bin doch kein Verlierer. Also zwang ich mich zum Aufstehen und ging zurück auf die Strecke.
Die verbleibenden 60 Kilometer entwickelten sich zu einer zähen Angelegenheit. Der Laufstil war längst unrund und von den Strapazen gezeichnet. Es ging nur noch um das nackte Durchkommen. Als ich schliesslich die Berliner City erreichte, schlug das Wetter radikal um. Sintflutartiger Regen flutete die Laufstrecke innerhalb kürzester Zeit. Nach all den überstandenen Krisen konnte mich dieses Unwetter jedoch nicht mehr aufhalten.
Nach einer Gesamtlaufzeit von 23 Stunden und 8 Minuten überquerte ich die Ziellinie.
Das war zweifellos einer meiner härtesten Ultraläufe überhaupt. Aufgeben ist für mich immer nur die allerletzte Option. Solange die Beine irgendwie funktionieren und der Kopf noch rational denken kann, wird das Ding durchgezogen. Die Aussteigerquote betrug in diesem Jahr wegen der enormen Hitze sagenhafte 46 Prozent. Ich habe es geschafft und gehöre zu den Finishern!


Top Ten in der Altersklasse M55…immerhin…
